Releasetermin: 08.08.2017

Medientyp: Download
Genre: Action-Adventure
Entwickler: Ninja Theory
Herausgeber: Ninja Theory

 

Im Playstation Store kaufen

“In diesem Spiel werden Psychosen dargestellt. Menschen mit Erfahrungen bezüglich Psychosen und professionelle Psychiater haben bei diesen Beschreibungen mitgewirkt.

Es kann sein, dass manche diese Darstellungen verstörend finden, unter anderem diejenigen, die selbst solche Erfahrungen machen mussten.”

Ein Spiel, das mir solch einer Warnmeldung beginnt, hat wahrlich das Potenzial, etwas besonderes zu sein. Die Entwickler von Ninja Theory, die sich mit den Titeln Heavely Sword, Enslaved und DmC – Devil May Cry einen Namen gemacht haben, nahmen das Risiko auf sich. Sie erschufen den Indie-Titel Hellblade: Senua’s Sacrifice, der die leidvolle Geschichte der unter Psychosen leidende Protagonistin Senua erzählt. Durch seine hohe Produktionsqualität zieht das Spiel derzeit viele Blicke auf sich. Doch kann der Titel auch inhaltlich mit seiner besonderen Thematik punkten? Finden wir es heraus.

Stimmen in Kopf

Der Beginn macht unverzüglich klar, dass Hellblade mit ungewöhnlichen Elementen zu spielen weiß. Wir finden uns in der Rolle von Senua auf einem Floß wieder, das sie langsam einen See entlang paddelt. Doch das Besondere lässt sich weniger in dem finden, was Spieler hier sehen – sondern hören. Eine Erzählerin stellt uns die gebrochene Protagonistin vor und wartet nicht lange, den “Clou” des Spiels zu präsentieren: Senua hört verschiedene Stimmen in ihrem Kopf schwirren.

Ich möchte gleich zu Beginn darauf hinweisen, dass Hellblade quasi mit Kopfhörern gespielt werden muss. Im Intro wird zwar stets freundlich auf die Benutzung von Kopfhörern hingewiesen. Jedoch sollte es sich jeder zur Pflicht machen, den Hinweis als Vorschrift anzusehen. Das Konzept der vielen Stimmen im Kopf wurde dank binauraler Soundaufnahmen fantastisch umgesetzt. Mit einem guten Paar Kopfhörer auf den Ohren wirkt es fast so, als hätten wir selbst die Stimmen im Kopf. Jedes mysteriöse Flüstern und jedes wahnsinnige Gelächter ließ mir die Haare zu Berge stehen. Auf einem Soundsystem oder per TV-Soundausgabe lässt sich Hellblade natürlich ebenfalls spielen, doch ist das Erlebnis schlicht ein anderes. Die Imitation von Stimmen, die im Kopf schwirren, gelingt schließlich umso besser, je näher die Tonquelle auch an unserem Gedankenzentrum ist. Schnappt euch also eure bequemsten Stereo-Kopfhörer und macht euch auf eine einzigartige audiovisuelle Erfahrung bereit.

Tolle Szenerien und ganz viel Liebe zum Detail

Denn auch für die Augen hält Hellblade einiges parat. Hellblade sieht phasenweise einfach nur fantastisch aus und braucht sich optisch vor bisherigen PS4-Aushängeschildern wie Horizon: Zero Dawn oder Uncharted 4: A Thief’s End nicht zu verstecken. Mit einer grandiosen Beleuchtung, knackig scharfen Figurenmodellen und tollen Animationen besticht das Spiel in sehr vielen Momenten.

Ich habe auf der PS4 Pro gespielt, auf der Hellblade einen Modus mit 30-FPS-Limit und höherer Auflösung und einen Bildmodus mit 60 FPS anbietet. Auch wenn der Titel weitaus keine native 4K-Auflösung erreicht und vielmehr eine dynamische Auflösung bis hin zu 1440p präsentiert, sehen Senua und ihre Umgebung einfach sensationell gut auf einem 4K-TV aus. Auch der Framerate-Modus hat seine Vorzüge, allerdings sieht das Spiel hier verschwommener aus. Grashalme sind nicht so scharf dargestellt, feine Details in Senua’s Kleidung und Ausrüstung stechen weniger heraus. Die Bildqualität ist im Vergleich zum anderen Modus deutlich schlechter, da die Auflösung hier zwischen 900p und 1080p schwankt. Dafür bekommen Spieler weitestgehend stabile 60 FPS, die sich vor allem in den Kämpfen positiv auswirken. Hellblade bietet eine wirklich tolle PS4 Pro-Umsetzung und hat sowohl für Fans von hohen Bildraten als auch vorzüglicher Bildqualität etwas auf Lager!

Das einzige, was ich dem Erscheinungsbild des Titels vorwerfen kann, ist die gelegentliche Inkonsistenz, die die Optik an den Tag legt. Während viele Momente fantastisch inszeniert sind, zeigt das Spiel selten auch einmal weniger detaillierte und weniger spektakuläre Schauplätze. Da Hellblade sicherlich aber kein allzu großes Budget zur Verfügung hatte, ist die Grafik aber wahnsinnig gut ausgefallen.

Zähe Umgebungsrätsel

Auch die verschiedenen Effekte der Halluzinationen und Illusionen können überzeugen. Senua sieht des Öfteren leuchtende Symbole in der Umgebung. Wände werden zu Köpfen, die mit der Protagonistin sprechen. Senua sieht verschiedene Objekte in der Gegend doppelt, die Grenzen zwischen Illusion und Realität verschwimmen häufig. Hier kommt ein großer Teil des Spielgeschehens zum Tragen. Wir laufen in der Rolle von Senua zumeist durch lineare Gebiete und durchqueren gelegentlich auch großflächige Areale. Oftmals versperrt eine Tür den weiteren Weg, sodass Senua in ihrer Umgebung nach Lösungsmitteln sucht. Hellblade legt eine große Betonung auf Umgebungsrätsel, die mitunter in Verbindung mit den Halluzinationen präsentiert werden.

Senua muss Symbole in der Umgebung finden oder den richtigen Blickwinkel im Areal finden, um zersplitterte Zeichensegmente optisch wieder zusammenzuführen. Zumeist sind diese “Rätsel” nicht sonderlich schwer zu lösen – allerdings ermüdete es mich gelegentlich, mein Umfeld doppelt und dreifach zu durchqueren und nach dem Hinweis zu suchen, der mich auf meinem Abenteuer weiterführte. Als Story-Element haben mir diese Puzzle-Einheiten sehr gefallen. Ich kann mir vorstellen, dass Menschen, die unter Psychosen leiden, ihre Umgebung ganz anders wahrnehmen, was das Spiel sehr gut wiedergibt. Als Gameplay-Element hatte ich aber nach einiger Zeit genug von der ständigen Sucherei. Einen positiven Aspekt hat das Abtasten der Natur aber. Unterwegs gibt es eine Reihe von sogenannten “Lorestones” zu finden. Diese Steingebilde sollen die Erkundung belohnen. In der Tat freute ich mich stets, nach einem Fund mehr Hintergrundinformationen erzählt zu bekommen und so hielt ich die Augen offen, um möglichst viele der 44 Runen zu finden.

Unterhaltsame, aber simple Nahkämpfe

Die zweite große Komponente des Spielgeschehens konnte mich mehr überzeugen als die ermüdenden Rätsel. Senua muss sich immer wieder gegen Wesen behaupten, die ihr mit ihren Totenschädeln und gefährlichen Waffen Angst einflößen. Jedoch hat auch Senua eine Waffe zur Hand, mit der sie sich gegen die wiederkehrende Bedrohung wehrt. Das Kampfsystem ist dabei recht simpel gehalten. Der Hauptfigur stehen leichte und schwere Schläge zur Verfügung. Außerdem kann sie ihren Feind treten und so aus dem Gleichgewicht bringen. Zudem ist das Ausweichen enorm wichtig, ebenso wie die Fähigkeit, blocken und parrieren zu können.

Die Gefechte sind ansehnlich inszeniert und so ist es durchaus unterhaltsam, mit gewaltigen Kombos die Wesen zu besiegen. Ein wenig Abwechslung kommt dadurch zustande, dass Senua im Rennen schlagend noch andere Kombos auf Lager hat. Weiterhin kann sie mit einer seltsamen Tafel die Zeit anhalten und verheerenden Schaden anrichten, während die Gegner kurzzeitig nicht zurückschlagen. Zumeist wird Senua nur vor einen Gegner gestellt, doch muss sie sich hin und wieder auch gegen mehrere Feinde gleichzeitig durchsetzen. Hier wird das Ausweichen und Blocken zu unserer wichtigsten Funktion. In diesen Momenten können die Kämpfe gar herausfordernd sein. Das gilt auch für die wenigen Bosskämpfe, die Hellblade für seine Spieler bereit hält. Gutes Timing ist das A und O und ist nach einiger Zeit verinnerlicht. Am meisten Spaß hatte ich daher auch am Parrieren, da es das gute Timing mit einem brutalen Gegenangriff belohnt.

Dennoch ist auch diese Komponente nicht frei von Fehlern. Zum einen sind die meisten Kämpfe viel zu einfach. Die herausfordernden Gefechte kommen zu selten zum Zuge. Zwar warnt das Spiel, dass Senua nach zu vielen Toden verfaule, was gar in einem endgültigen „Game Over“ enden solle. Das konnte aber nur kurzzeitig für Anspannung sorgen, da ich schnell merkte, dass ich mit etwas Konzentration den Tod über weite Strecken abhalten konnte. Zum anderen werden die Kämpfe nach einigen Stunden monoton. So unterhaltsam sie auch sind – grundsätzlich ist das Kampfsystem sehr simpel aufgebaut. Gegen Ende hin ödeten mich die Gefechte etwas an, was mitunter daran liegt, dass Spieler im letzten Abschnitt zunehmend mit Feindesbegegnungen überhäuft werden. Auch die mangelnde Abwechslung der Gegnervielfalt trug dazu bei, dass die Kämpfe nach einer Weile ihren Reiz verloren.

Beeindruckende Story und einzigartige Atmosphäre

Was gibt es also für Gründe, um Hellblade zu spielen, wenn das Gameplay nur mittelmäßig gut ausfällt? Ninja Theory hat sich eine beeindruckende Spielwelt ausgedacht, die auf der Keltischen und Nordischen Mythologie basiert. Wir lernen die Kriegerin Senua kennen, die den Tod ihres Geliebten nicht verkraftet und sich auf die Reise macht, um ihn aus der Unterwelt zurückzuholen. Senua leidet unter Psychosen und so vermischen sich auf der düsteren Reise die psychotische Erscheinung ihrer Gedanken mit der Realität. Wir erleben Senua immer wieder in Situationen, in denen sie ihre inneren Dämonen bekämpfen muss. Auch erforscht das Spiel die Vergangenheit der Kriegerin, um ein Licht darauf zu werden, wie sie zu dieser zutiefst gebrochenen Kriegerin wurde. Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen, da die Entwickler ein stimmungsvolles Universum erschaffen haben, das vor Hintergrundinformationen nur so strotzt.

Wie eingangs erwähnt, arbeitet das Spiel bei seiner Inszenierung mit ganz besonderen Mitteln. Allen voran die Stimmen “im Kopf” helfen dabei, uns in die Spielwelt und die Lage von Senua zu versetzen. Die englischen Sprecher liefern einen phänomenalen Job ab, dazu gesellt sich ein vorzügliches Sound-Design. Wer mit Kopfhörern spielt, genießt allein aufgrund der Soundausgabe ein besonderes Erlebnis. In Verbindung mit den Halluzinationen und Illusionen ergibt sich eine einzigartige Atmosphäre, die nicht selten bedrückend und sogar richtig gruselig sein kann. Die Entwickler haben es geschafft, das heikle Thema der Psychosen richtig gut umzusetzen. Da sich nicht viele Teams an solch ungewöhnliche Thematiken herantrauen, ziehe ich wirklich meinen Hut davor, was Ninja Theory hier abgeliefert hat.

Wertung im Einzelnen
Story
9
Gameplay
6.5
Grafik
9
Sound
10
Teilen