Releasetermin: 02.10.2018

Medientyp: Disk, Download
Genre: Action-Adventure, Beat ’em Up
Entwickler: Sega
Herausgeber: Sega

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Fist of the North Star gehört zum Verrücktesten, was Animes und Mangas zu bieten haben. Durch die unglaublich starken Figuren und die exzessive Gewaltdarstellung kommen Action-Fans voll auf ihre Kosten. Da ist es verwunderlich, dass sich besonders in den letzten Jahren nur wenige Entwicklerstudios an eine Videospielumsetzung herangetraut haben. Mit Fist of the North Star: Lost Paradise ist nun endlich ein Spiel erschienen, das vermeintlich von keinem besseren Studio kommen könnte. Das Team von Sega, das sonst hauptverantwortlich für die Yakuza-Reihe ist, hat den neuen Fist of the North Star-Titel entworfen. Eine Lizenz und ein Entwickler, die wie für einander geschaffen sind? Dieser Frage bin ich nachgegangen.

You are already dead!

Das Spiel braucht keine 5 Minuten, um seiner brachialen Action eine Rahmenhandlung zu verpassen. Protagonist Kenshiro ist auf der Suche nach seiner Frau Yuria, die ihm vor einiger Zeit gewaltsam entrissen wurde. Nachdem es lange Zeit so schien, als wäre sie gestorben, häufen sich die Gerüchte, dass Yuria doch noch am Leben ist. Die Suche nach seiner Frau stellt das zentrale Thema dar, das Kenshiro begleitet und an verschiedene Orte führt. Die Handlung stützt sich lose auf der Manga-Vorlage und zeigt immer wieder Parallelen, macht größtenteils aber ihr eigenes Ding. Wer weder Manga noch Anime kennt, dürfte trotzdem keine großen Probleme haben, der Story zu folgen.

Kenshiro hat die Martial Arts-Kunst des Hokuto Shinken erlernt, mit der er vitale Punkte im Körper anderer Leute stimulieren kann. Dies nützt ihm sowohl um fiese Banditen lediglich mit seinem Finger brutal zum Explodieren zu bringen, als auch um Menschen bei ihrem körperlichen Leid quasi durch Akupunktur-Behandlung zu helfen. Dass Kenshiro diese legendäre Technik beherrscht, wird ebenfalls immer wieder zum wichtigen Aspekt in der Story. Die Hauptfigur hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und hilft Menschen in Not generell gerne aus. Da Kenshiro Leute aber auch brutal abschlachtet, wird er von seinen Mitmenschen zumeist als Monster abgetan, auch wenn er seine Fähigkeiten stets nur bei Widersachern einsetzt, die den Tod verdient haben. Das resultiert in einer wirklich interessanten Figurendynamik in dieser postapokalyptischen Welt.

Auch hat mich als Nicht-Kenner der Vorlage erstaunt, wie ernst das Spiel sein Geschehen angeht. Ich hatte im Vorfeld den Eindruck gehabt, dass Fist of the North Star wesentlich alberner dargestellt sei. In einigen Momenten musste ich durchaus lachen, weil Kenshiros unglaubliche Stärke regelmäßig in humorvolle Situationen eingebunden wird und er seine Feinde oftmals mit trockenen Kommentaren abfertigt. Die Figur bleibt aber zu jeder Zeit ernst und hat stets nur ein Ziel vor Augen: Yuria zu finden. Die Handlung hat mich sehr positiv überrascht. Es gibt gerade zu Beginn zwar Schwächen im Pacing, da das Geschehen phasenweise nicht gut vorangetrieben wird. Insgesamt aber hat mich die simple Ausgangslage von der ersten Sekunde an gefesselt. Kenshiro ist trotz seiner kühlen Art ein sehr interessanter Protagonist und ich kann durchaus verstehen, warum Fist of the North Star in Japan große Wellen schlägt.

Yakuza-Spielkonzept trifft auf die Fist of the North Star-Lizenz

Das Spiel beginnt recht linear, öffnet sich nach einigen Stunden allerdings etwas. Mit der Ankunft in Eden, das zu unserem Hub wird, nimmt der Titel auch einige Open World-Züge an. Sonderlich viel zu sehen gibt es allerdings nicht. Ich finde, dass man mehr aus dem Schauplatz hätte rausholen können. Dennoch hatte ich meinen Spaß daran, in der Spielwelt Aufgaben zu absolvieren. Kenshiro hat Hauptmissionen zu erledigen, stößt aber auch immer wieder auf Nebenhandlungen, denen er nachgehen kann. Zudem gibt es eine Reihe von Minispielen, die uns abwechslungsreich die Zeit vertreiben sollen. Das Spielkonzept ist stark an die Yakuza-Reihe angelehnt, da es eben wie eingangs erwähnt von denselben Entwicklern kommt. Wer also gerne mit Kiryu böse Gauner verprügelt hat, wird sich hier vermutlich ebenso gut aufgehoben fühlen. Tatsächlich gibt es im Playstation Store sogar einen Kiryu-Skin, der die Illusion perfekt macht.

Die Missionen und damit auch das Spielgefühl sind sehr ähnlich. Etwas schade finde ich hingegen, dass die Minispiele nicht so umfangreich vorliegen wie in den Yakuza-Spielen. Es gibt beispielsweise ein brachiales Baseball-Spiel, ein Kasino und auch Wüstenwettrennen mit einem Buggy samt Upgradesystem. Weiterhin kann Kenshiro einen Hostessenclub leiten und sein Geld als Barkeeper verdienen, was immer wieder zu lustigen Situationen führt. Während diese Tätigkeiten durchaus auch Spaß machen, sind sie im Vergleich zu Yakuza-Spielen leider abgespeckt. Ich habe den Titel in rund 25 Stunden durchgespielt und auch diverse Nebentätigkeiten absolviert. Das macht einen soliden Umfang aus. Ich bin trotzdem der Meinung, dass der Inhalt des Spiels noch Luft nach oben hat. Das Spiel hatte scheinbar nicht das größte Budget, was sich leider hier und da bemerkbar macht. Eingefleischte Fans werden den Titel allerdings häufiger durchspielen, da sich nicht alles der Skillbäume und der Talismane in einem Durchgang freischalten lässt.

Brutale Kämpfe mit viel Blut

Auf den ersten Blick hat auch das Kampfgeschehen viel gemeinsam mit Yakuza. Protagonist Kenshiro nimmt es mit vielen Banditen auf, die sich in der postapokalyptischen Welt daneben benehmen. Ein erster Unterschied ist jedoch, dass man hier mehr Feinde auf einmal bekämpft als in Yakuza. Sind die Gegnerscharen dort zumeist überschaubar, hat man hier gerne auch mal 15-20 Feinde gleichzeitig an der Backe. Wir können leichte und schwere Attacken sowie vielfältige Kombos ausführen. Kenshiro kann zudem ausweichen und blocken, was durchaus auch nötig ist, da die Gegner besonders auf einem höheren Schwierigkeitsgrad recht gut austeilen können.

Haben wir einen Feind mit einigen Schlägen und Tritten bearbeitet, können wir unsere Hokuto Shinken-Technik einsetzen. Zunächst wird der Gegner dadurch betäubt. Drücken wir anschließend nochmal Kreis, folgt eine Art brutaler Finishing-Move. Makaber in Szene gesetzt und mit Quick Time-Events ausgestattet, machen diese Manöver besonders viel Schaden. Einfache Feinde besiegen wir auf diese Weise sofort und auch stärkeren Widersachern und Bossen zieht dieser Angriff eine Menge ab. Abgerundet wird das Geschehen durch einen “Burst”-Modus, den wir nach erfolgreicher Spielweise aktivieren können. Dieser macht uns temporär nicht nur stärker, sondern ermöglicht auch neue Kombos.

Manchmal etwas monoton, durch seichte RPG-Elemente aber immer wieder mit Abwechslung im Gefecht

Das Kampfgeschehen ist zunächst nicht sonderlich komplex, macht aber wirklich Laune. Fist of the North Star: Lost Paradise ist unglaublich brutal in Szene gesetzt, was durch den Comicstil allerdings nicht sonderlich realistisch ausfällt. Tatsächlich macht die blutige Inszenierung einen großen Teil des Unterhaltungswertes aus, da sie eben so herrlich überspitzt dargestellt wird. Gerade wenn die Animationen dann doch etwas eintönig werden und sich die simplen Mechaniken allmählich repetitiv anfühlen, kommen neue Manöver dazu. Durch den Sieg über starke Gegner und durchs Aufleveln erhalten wir unterschiedliche Orbs, die in vier verschiedenen Skillbäumen ausgegeben werden. Diese beinhalten die Steigerung der Basiswerte wie Angriffsstärke und Gesundheit. Hier lassen sich allerdings auch viele neue Attacken und Burst-Manöver freischalten, die regelmäßig etwas Abwechslung ins Geschehen bringen.

Kenshiro kann seine Gegner anvisieren, was in meiner Erfahrung nicht immer einwandfrei geklappt hat. Wenn viele Feinde auf einmal zu sehen sind, hat der ungewöhnliche Held oftmals nicht die Figur angegriffen, auf die ich es eigentlich abgesehen habe. Diese Probleme mit der Kamera bzw. mit der Anvisiermechanik sind allerdings nicht wirklich gravierend. Gerade auf dem hohen Schwierigkeitsgrad spielt sich das Kampfsystem sehr spaßig und hat mich über die Dauer des Spiels gut unterhalten.

Das Spielgeschehen wird von einem Talisman-System abgerundet. Verbringt man Zeit mit den diversen Figuren, lassen sich mehrere Talismane freischalten und anfertigen. Diese gewähren Kenshiro einige Boni. Einer der vier Skillbäume ist sogar voll und ganz auf diese Spielmechanik ausgelegt, sodass die Talismane ein mächtiges Hilfsmittel darstellen. Einmal mehr wird es Spielern aber nicht gelingen, sämtliche Talismane in einem Durchgang freizuschalten und vollständig aufzuwerten. Wer seinen Charakter gerne ans Limit aufstuft, kommt um mindestens einen weiteren Spieldurchgang nicht herum.

Brachiale Inszenierung, grafisch aber immer wieder mit schwachen Stellen

Grafisch wurde das Spiel solide umgesetzt. Die muskelbepackten Figuren sind originalgetreu der Vorlage nachempfunden. Anfangs fand ich den Stil etwas ungewöhnlich, doch schon nach einer halben Stunde waren meine anfänglichen Zweifel beseitigt. Die blutige Darstellung ist optisch gelungen und überzeugt mit netten Effekten bei der Eliminierung von Feinden. Wem die Gewalt zu viel wird, kann den Blutgehalt übrigens auch reduzieren. Die Spielwelt zeigt sich recht kahl, was allerdings auch mit dem umgesetzten Setting zu tun hat. Lost Paradise spielt in einer postapokalyptischen Welt, die in ihrer Natur nicht mehr viel Schönheit zu bieten hat.

Manche Orte sind hübsch aufgemacht, doch insgesamt haben mich die kargen Umgebungen etwas enttäuscht. Avalanches Mad Max beweist zum Beispiel, dass man eine Welt nach der Apokalypse auch wesentlich spannender gestalten kann. Insgesamt scheint auch bei der Grafik durch, dass der Titel ein überschaubares Budget hatte. Die neuesten Yakuza-Spiele wie Teil 6 oder auch die Kiwami-Remakes 1 und 2 sehen deutlich besser aus als Fist of the North Star. Immerhin präsentiert der Titel seine rasanten Faustkämpfe mit butterweichen 60 Bildern pro Sekunde, weshalb ich gut darüber hinwegsehen kann, dass das Spiel optisch hin und wieder etwas angestaubt wirkt.

Unterhaltsame englische Synchronisation

Fist of the North Star: Lost Paradise hat eine englische Synchronisation spendiert bekommen. Diese fällt größtenteils gelungen aus, da insbesondere Kenshiros Sprecher sehr gut gewählt wurde. Andere Sprecher überzeugen hingegen nicht auf voller Linie. Teilweise ähnelt die Vertonung der eines schlechten Animes aus den 90ern, was aber auch durchaus seinen Charme hat. Unterm Strich wurde ich von den Konversationen gut unterhalten und das ist das einzige was zählt. Auch die japanische Sprachausgabe liegt vor, zudem wurde ein stimmiger Soundtrack abgeliefert. Deutsche Sprache gibt es weder für Ton noch Texte.

Wertung im Einzelnen
Story
7.5
Gameplay
8
Inhalt und Umfang
7
Grafik & Sound
7
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